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Interview mit Rehkitzretterin Kiki Petermann

16. 09. 2021

Wie bist Du zur Rehkitzaufzucht gekommen? 

Kiki: Aufgewachsen in einer Jägerfamilie habe ich schon  als Kind alles an Jungtieren Zuhause  angeschleppt, was irgendwo finden konnte. Ich hatte auch das große Glück eine Mama zu haben, die mich in dieser Leidenschaft von Anfang an unterstützt hat. Spätestens nachdem mein Vater ein zahmes Wildschwein aufgenommen hatte und wir für dieses ein Gatter in unserem Garten gebaut hatten, war meine Leidenschaft für jedes Lebewesen auf dieser Welt geweckt.  

Ein Kitz aufzuziehen war tatsächlich immer ein großer Traum von mir und auch meiner Mutter. Vor zwei Jahren stand dann eines Tages ein Freund mit einem kleinen Kitz „Käthe“ vor der Tür. Sehr gut unterstützt wurde ich dabei auch durch Familie Fußbahn von der Wildtierhilfe Fiel e. V.

 

Wie viele Kitze hast Du jetzt schon großgezogen? 

Kiki: Fünf, im vorletzten Jahr die Käthe und dieses Jahr meine vier: Taini, Lallo, Higgi und Wapi. Einige andere Kitze habe ich auch an befreundete Aufzuchtstationen vermittelt.

 

Wie sind die vier Kitze in diesem Jahr zu Dir gekommen? 

Kiki: Das erste Kitz, Taini, kam am 10. Mai zu mir. Aufmerksame Anwohner hatte ihn beobachtet, wie er seit Stunden über die Hauptstraße im Ort lief und jämmerlich fiepte und sogar schon den Menschen mit den Hunden hinterherlief. Nachdem die Anwohner das Kitz den ganzen Tag über beobachtet hatten, wurde ich abends angerufen. Bei meiner Ankunft lag Taini schon völlig dehydriert auf der Seite. Schätzungsweise war er zu dem Zeitpunkt 15 Stunden alt. Was mit der Ricke passiert ist, konnten wir nicht nachvollziehen. Als Taini zu mir kam wog er gerade mal 1 kg.

Das zweite Kitz, Lallo, kam eine Woche später zu mir und wog etwa 1,6 kg 1 Woche alt. Die Ricke war verunfallt und aufmerksame Anwohner hatten das Kitz gefunden. Wieder einen Tag später wurde mir von einem Jäger ein schwer verletztes Kitz gebracht – vermutlich durch Fuchs- oder Hundebiss. Higgi ging es sehr schlecht als er zu mir kam. Er wog seinerzeit ca. 3 kg und wir hatten große Sorge, ob wir ihn überhaupt durchbringen würden.

Die letzte im Bunde- Wapi – kam zwei Wochen später aus Scharbeutz zu mir. Ihre Mutter wurde von einem Hund in einen Zaun gehetzt und ist dort verendet. 

 

Was heißt es überhaupt, ein Rehkitz großzuziehen, also wie ist Dein Alltag als „Rehkitzmama“?

Kiki: Wenn sie ganz klein sind, bedeutet es jede Stunde füttern: die Flaschen mit Lämmermilch müssen regelmäßig fertig gemacht werden. Doch damit ist es nicht getan, am Anfang haben die Kitze hier zum Schutz vor Feinden bei mir im Haus in einem großen Raum gelebt. Das bedeutet jeden Tag den Raum säubern, Wäsche waschen; bei den vieren hier, bedeutet dies 3 Waschmaschinen pro Tag. 

Am Anfang ist sicherlich die Flaschenarbeit am aufwendigsten. Je älter sie werden desto mehr wollen sie aber auch beschäftigt werden. Sie wollen nicht mehr abliegen, sondern rennen. Hat man z. B. nur ein  Kitz, so muss man sich mit dem wirklich gut und viel beschäftigen. Meine vier sind dann immer gerne durch den Garten gerannt, was durchaus manchmal zu Herausforderungen führte, wenn ich dann doch einmal losmusste und die Kitze wieder rein sollten. Ab dem 4. Tag fangen die Kitze auch an Grün zu fressen, das wird natürlich von Tag zu Tag mehr. 

Kleinigkeiten am Anfang jetzt zum Ende hin, ist das Grünpflücken der größte Zeitfaktor. Den einen Tag wollen sie das, den anderen Tag wollen sie das. In ihrer Futterwahl sind sie sehr wählerisch. 

 

Und wo findest Du das jetzt alles?

Kiki: Wie gut, daß ich am Wald wohne. Die Kitze fressen sehr gerne saisonal bedingt. Als Heidelbeersaison war, fraßen sie gerne Heidelbeeren, jetzt sind Pilze auch sehr begehrt. Schwarzdorn, Weißdorn, Kirsche, generell Obstbäume, als sie klein waren, mochten sie gerne Himbeerblätter, jetzt finden sie die doof. 

 

Wie kannst Du das mit Deinem Job als Hundetrainierin vereinbaren? 

Kiki: Als die vier ganz klein waren, gab es für mich nur non stop die Kitze. Ich finde es wichtig, daß Kitze die ausgewildert werden sollen, nicht mehr als zwei Bezugspersonen haben. In diesem Jahr hat mir Corona da sehr in die Hände gespielt und die Unterstützung meiner Tochter, die sich in ihrem Abschlussjahr befunden hat.  Jetzt – die Kitze sind größer - ist es entspannter, da die Kitze nicht mehr so sehr viel Zeit beanspruchen und ich mich morgens, mittags und abends gut um sie kümmern kann. Ein  Glück habe ich sehr verständnisvolle Kunden, die für den Fall, dass ich doch einmal nicht ganz so pünktlich sein konnte, weil etwas mit den Kitzen war, mich dabei sehr unterstützt haben. Am meisten hat allerdings mein Mann gelitten. 

 

Jetzt ist ja bald Abschied nehmen angesagt. Was passiert denn nun mit den Kitzen? 

Kiki: Higgi war ja so schwerverletzt und hatte daher sehr viel Kontakt zu Menschen. Er kommt deswegen in einen Wildpark hier in der Nähe. Dafür wurde er kastriert. Die drei anderen kommen nächste Woche in die Freiheit. 

 

Nach welchen Kriterien hat Du es ausgesucht, wo die Kitze hinkommen?

Kiki: Wir hatten erst ein sehr ruhiges Revier in der Nähe ausgeguckt und man macht sich dann ja aber doch Sorgen was mit Kitzen in freier Wildbahn passiert, wenn sie ausgewildert haben. Wir haben dann allerdings ein Angebot von einem Revier bekommen, welches großflächig eingezäunt ist; also keine Menschen, Hunde reindürfen, keine Drückjagden stattfinden und wo es keine Straßen gibt.

 

Also ein Revier, wo die Chance, dass die Drei groß und alt werden, recht hoch ist?

Kiki: Genau. Sie bekommen jetzt alle zu Forschungszwecken noch eine Ohrmarke und dann dürfen sie hinaus in die Freiheit.

 

Jetzt ist zwar keine Brut- und Setzzeit, aber die nächste kommt bestimmt. Was kannst Du denn einem Spaziergänger, wenn er ein Rehkitz fiepen hört empfehlen?

Kiki: Liegen lassen, weggehen, in Ruhe lassen. Auch nicht auf 20 Meter Entfernung beobachten, wann die Ricke kommt. Denn: solange Menschen in der Nähe sind, wird die Ricke im Normalfall nicht kommen. Im Zweifel lieber einmal mehr den Jäger, die Polizei oder mich anrufen, als die Kitze einfach aufzusammeln und mitzunehmen. 

 

Und im nächsten Jahr: wieder Kitze? 

Kiki: Nein. Meine Tochter, meine beste Helferin ist ausgezogen. Nicht wegen der Rehkitze, sondern wegen ihrer Ausbildung. Ich möchte mich allerdings dafür einsetzen, dass wir hier im Hamburger Raum Stellen haben, wo die Kitze so aufgezogen werden, dass sie später wieder ausgewildert werden können. 

 

Was muss jemand mitbringen, der Kitze aufziehen möchte?

Kiki: Zeit, Zeit, Zeit und ein gutes Gespür für Tiere und durchaus auch etwas Geld. Die Aufzucht von Kitzen ist doch sehr kostenintensiv: Nahrung, Tierarzt, Gatter, als das summiert sich schnell. 

Weiter sollte man bereit sein, ein Jahr lang auf seine Freizeit und seinen Urlaub zu verzichten; einen Sommer auf Grilleinladungen und Freunde zu verzichten, das muss man mal ganz klar so sagen. Platz braucht man. Perfekt ist es, wenn jemand einen separaten Raum hat, in dem die Kitze ihre Ruhe haben können. Auch sollten Kitze, welche später ausgewildert werden sollen, nicht mit Hundekontakt aufwachsen und  so wenig anderen Menschenkontakt wie möglich. 

Ich unterstützte auch sehr gerne bei der Aufzucht und stehe gerne mit Rat und Tat zur Seite 

 

Bild zur Meldung: Kiki Petermann mit Rehkitzen, Foto: D. Pieplow/DWR

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Rehkitzretterin Kiki Petermann (16. 09. 2021)

Im Frühjahr gerettetes Jungwild soll stets in freier Natur aufwachsen. Nur wenn dies ausnahmsweise nicht möglich ist, kommt ein Aufpäppeln durch Menschen in Betracht. Jägerin Kiki Petermann berichtet über ihre Erfahrungen in unserem Interview:

Urheberrecht:
Kiki Petermann und Denise Pieplow/DWR